Alles zu meiner Zeit!?

Erfahrungsbericht: Alles zu meiner Zeit? Forum zu Chancen und Herausforderungen einer individualisierten Personalpolitik

Ob steile Karriere, Kinder oder andere Belange, Mitarbeiter haben heute sehr  unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie Leben und Arbeiten gestalten möchten.
Das stellt Unternehmen vor unterschiedliche Herausforderungen. Wie man diesen begegnen kann, um für die Zukunft der Arbeit 4.0 gewappnet zu sein…..

Vereinbarkeit kein reines Frauenthema mehr

Darüber wollten das Netzwerk Erfolgsfaktor Familie und die berufundfamilie Service GmbH mit Personalverantwortlichen und Entscheidern aus unterschiedlichen Unternehmen diskutieren.
Ich bin der Einladung gerne gefolgt, weil ich mich schon länger nicht mehr zum Thema Vereinbarkeit upgedatet hatte und solche Veranstaltungen meist viele Impulse geben.

Überrascht war ich tatsächlich über das große Echo auf die Einladung. Mit 60 Teilnehmern war dies eine meiner best besuchten Veranstaltungen zum Thema der letzten Jahre. Vor 4-5 Jahren noch waren Männer die absolute Ausnahme, Vereinbarkeit lange ein reines Frauenthema. Deshalb hat mich der erfreulich hohe Männeranteil unter den Teilnehmern gefreut. Das alleine zeigt mir irgendwie schon, dass das Thema heute offensichtlich wirklich bei den Unternehmen angekommen ist.

Erweitertes Konzept Vereinbarkeit Familie und Beruf

Interessant zunächst: In der Vereinbarkeit Familie und Beruf hat sich einiges getan. Ich vielen Unternehmen ist sie inzwischen Teil der Personalkultur, auch wenn die Umsetzung den formulierten Programmen noch ein wenig hinterher hinkt.
Auch hat sich der Fokus der Mitarbeiter, für die die Vereinbarkeit wichtig ist, erweitert. Hinzugekommen sind nicht nur Männer, die zunehmend in Elternzeit gehen und ihre Arbeitszeiten am liebsten reduzieren möchten, um mehr Zeit in die Familie investieren zu können.
Zunehmend geraten überdies Mitarbeiter in Pflegeverantwortung und brauchen individuelle Arbeitsmodelle. 2030 wird jeder fünfte Arbeitnehmer in Pflegeverantwortung sein!

Auch Führungskräfte möchten zunehmend in Teilzeit arbeiten
Quelle: Erfolgsfaktor Familie

Auch unter den Führungskräften nimmt der Wunsch zu, ihre Aufgaben in Jobsharing, in Teilzeit oder zumindest auch im Homeoffice erledigen zu können.

Die Herausforderungen der Zukunft

Inzwischen klagen 46% der deutschen Unternehmen über akuten Fachkräftemangel. Zudem gehen dem Arbeitsmarkt bis 2029 20 Mio Arbeitnehmer verloren.
Diese Situation zwingt die Unternehmen über neue Möglichkeiten nachzudenken,  das Ringen um gutes Personal zu gewinnen und dieses auch an sich binden zu können.
Noch immer ist Elternzeit vornehmlich Frauensache -Männer nehmen häufig nur ein bis zwei Monate der Elternzeit in Anspruch. Und über die Hälfte der Studienanfänger sind 2017 weiblich.

Individuelle Vereinbarkeitslösungen sind daher zunehmend gefragt. Bisher haben sich sehr viele Unternehmen dem Thema angenommen und mancherorts auch konstruktive Programme entworfen. Lebensentwürfe als Aspekt der Vereinbarkeit sind in den Personalkonzepten jedoch meist nicht explizit integriert.

Vereinbarkeit 2020- was Beschäftigte erwarten, was Arbeitgeber anbieten

Die Arbeitnehmer und ihre Lebenskonzepte haben sich stark verändert. Für die Babyboomer war persönliches Glück noch kein tragfähriges Lebenskonzept. Heute herrscht die Kultur der Revision. Alle Lebensinhalte können jederzeit überprüft und verändert werden – die Partnerschaft, Immobilien, Job, Lebensmittelpunkt. Wahlverwandtschaften ersetzen familiäre Verbindungen. Und in einer verblassenden christlichen Kultur möchte man eher das diesseitige Leben optimieren, als auf das jenseitige zu warten.

Unterschiedliche Lebensentwürfe stellen Familie, Beruf oder beides in den Fokus
Quelle: berufundfamilie Service GmbH

So verwundert es auch nicht, dass 81,2 % der Mitarbeiter familienfreundliche Angebote ihres Arbeitsgebers selbst für Kollegen ohne Kinder wichtig halten.

Selbst Mitarbeiter ohne Kinder erwarten zu 81% familienfreundliche Maßnahmen von ihrem Arbeitgeber
Quelle: Erfolgsfaktor Familie

Für viele Menschen werden in diesen immer instabilieren Lebenskonzepten Kinder immer wichtiger, weil sie eine der wenigen Lebenskonstanten darstellen und weil sie „kontrollierbares“ Glück suggerieren. Familienfreundliche Maßnahmen scheinen also unausweichlich für Betriebe.

Wie funktioniert individualisierte Personalpolitik?

Homeoffice, Teilzeit & Job-Sharing allein machen die Karrieren von Beschäftigten noch nicht steuerbar, wie das Memorandum „Familie und Arbeitswelt“ des Bundesfamilienministeriums und die Studie „Vereinbarkeit 2020“der berufundfamilie Service GmbH zeigen. Angebote und Maßnahmen zur Vereinbarkeit sind vor allem dann attraktiv, wenn sie zum persönlichen Lebensentwurf passen.

Deshalb schlagen die beiden Fachfrauen, Frau Frohnert, Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ und Frau Weinmann, berufundfamilie Service GmbH vor, einen Fahrplan vor, der den indivieuellen Lebensentwürfen entgegenkommt.

  • Zunächst heißt es, von „Karrieregeiern“ und „Rabenmüttern“ Abschied zu nehmen und die unterschiedlichen Lebensentwürfe wertneutral nebeneinander stehen zu lassen.
  • Außerdem sollte man den Dialog unter den Mitarbeitern fördern und die Erfahrungen mit Vereinbarkeit teilen.
  • Für Personaler stellt sich die Aufgabe, Arbeitsmodelle hinsichtlich ihrer Flexibilisierung kritisch zu überprüfen.
  • Zudem werden in Zukunft nicht-lineare Karrieremodelle an Bedeutung gewinnen, da sie von der kommenden Führungsgeneration eingefordert werden.
  • Vereinbarkeit lässt sich einfacher umsetzen, wenn Aufgaben plan- und beherrschbar gestaltet werden
  • Schließlich sollte die Beratungskompetenz der beruflichen Akteure im Zusammenhang mit Vereinbarkeitskonzepten kontinuierlich erweitert und geschult werden
Fahrplan zur individualisierten Personalpolitik
Quelle: berufundfamilie Service GmbH

Beispiele aus der Praxis

Vielen Dank auch an die beiden Referenten aus den Unternehmen. Jasmin Schmalenbach (SÜDWESTBANK AG) und Matthias Stroezel (SSC-Services GmbH) als auditierte Praktiker gaben einen Einblick in ihre Personalaufgaben. Somit machten sie die vorher vorgestellten Thesen erlebbar.

Birgit Weinmann (berufundfamilie Service GmbH) im Gespräch mit Jasmin Schmalenbach (Südwestbank AG) und Matthias Stroezel (SSC - Services GmbH)
Quelle: Erfolgsfaktor Familie

Spannend waren die diversen Hinweise, wie individuelle Personalpolitik gelingen kann. Frau Schmalenbach z.B. betonte, dass die wiederholte Schulung der Führungskräfte zum entscheidenden Faktor für den Erfolg der Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde. Ihre Kenntnis des Themenkomplexes und der Maßnahmen sowie die durch die stetige Weiterbildung gewachsene Akzeptanz dafür bildeten die Basis für viele gelungene Vereinbarkeitsprojekte. Auch die Art der Maßnahmen, die „zwar nicht spektakulär, dafür aber alltagstauglich“ seien, förderte die erfolgreiche Umsetzung.

Vorteil KMU

Herr Stroezel wiederum stellte heraus, dass für ihn gerade KMU einen entscheidenenden Vorteil vor Großunternehmen haben: sie können direkt im Gespräch mit ihren Mitarbeitern geeignete Schritte planen und nicht den „Umweg“ über Programme gehen, die mit Geschäftsleitung, Personalabteilung und ggf. mit dem Betriebsrat abgestimmt werden müssten. Individuelle, manchmal auch unkonventionelle Lösungen könnten schnell und für beide Seiten passend gefunden werden. Mit der Einschränkung, dass diese Lösungen manchmal auch Kreativität sowie die Bereitschaft forderten, einen für ein kleines Unternehmen manchmal grenzwertigen (bürokratischen) Einsatz zu bringen. Demgegenüber stünde aber eine starke Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen, die sich in ihren Bedürfnissen ernstgenommen und wertgeschätzt fühlten.

Fazit

Nach langer Zeit habe ich mich mal wieder mit den Herausforderungen der Vereinbarkeit Familie und Beruf gewidmet und interessante Impulse erhalten über ein erweitertes Verständnis von Beruf und Familie und neue Zielgruppen. Ich habe mich mit anderen Personalern und Unternehmern ausgestauscht und mein Netzwerk engagierter Verantwortlicher erweitert.

Insgesamt also eine gelungene Veranstaltung 😉

Bist Du anderer Meinung? Dann schreibe mir gerne unter susanne.hencke@hrkreativ.com oder kommentiere hier.

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