Brauchen KMU das Rückkehrrecht aus der Teilzeit?

Wer in Teilzeit arbeitet, soll nicht weiter in der Teilzeitfalle verharren müssen, sonder das Recht haben, wieder in Vollzeit wechseln zu können – das sieht ein Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Andrea Nahles vor.

„Frauen und Männer, die aus Vollzeit in Teilzeit gewechselt sind, müssen das Recht haben, wieder in Vollzeit zurückkehren zu können. Besonders Frauen, die weniger arbeiten, die aber gerne wieder voll einsteigen und mehr Verantwortung im Beruf übernehmen wollen, erhalten so eine neue Perspektive.“

Widerstand kommt nicht nur aus der Opposition, sondern vor allem auch aus der Wirtschaft.

Rückkehrrecht aus der Teilzeit

Das Gesetz zum Rückkehrrecht aus der Teilzeit sieht vor, zukünftig leichter aus der Teilzeit in Vollzeit wechseln zu können. Dann muss nicht mehr der Arbeitnehmer/ die Arbeitnehmerin, der/ die wieder mehr arbeiten möchte, nachweisen , dass es einen entsprechenden Arbeitsplatz im Betrieb gibt und er/ sie dafür geeignet ist. Sondern der Arbeitgeber muss belegen, dass es keinen gibt – oder der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin nicht geeignet sind. Die Bundesregierung sieht darin den Vorteil der Planbarkeit für Arbeitgeber wie -nehmer und eine Chance, den Fachkräftemangel zu mildern.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am 4. April 2017 zu Gast beim DGB: Im Anschluss an Nahles' Besuch beim DGB-Bundesvorstand sprachen sich die Arbeitsministerin und der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann für ein gesetzliches Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit aus Quelle: DGB
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am 4. April 2017 zu Gast beim DGB: Im Anschluss an Nahles‘ Besuch beim DGB-Bundesvorstand sprachen sich die Arbeitsministerin und der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann für ein gesetzliches Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit aus Quelle: DGB

Rechtliche Voraussetzung ist, dass ein Mitarbeiter mindestens seit einem halben Jahr im Betrieb war und dem Chef mindestens ein Vierteljahr vorher Bescheid gegeben hat. Auch sollen die Mitarbeiter frühestens nach einem Jahr wieder in Teilzeit gehen dürfen.

„Tiefschlag gegen den Mittelstand“

Wirtschaftsunternehmen allerdings sind entsetzt. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft nannte den geplanten Anspruch auf befristete Teilzeit einen „Tiefschlag gegen den Mittelstand“. Befürchtet wird ein ungerechtfertigt hoher bürokratischer Aufwand, besonders für KMU.

Roland Wolf, Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Arbeitsrecht, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) weist in einem Interview im DLF darauf hin, dass KMU darüber hinaus das Problem haben, Fachkräfte für einen begrenzten Zeitraum zu finden. Doch der Gesetzentwurf nimmt auch KMU in die Pflicht.

„Das Rückkehrrecht in die alte Arbeitszeit soll ab einer Betriebsgröße von 15 Personen gelten. Das ist eine vernünftige Größenordnung, die die Unternehmen schon aus dem bisherigen Teilzeit und Befristungsgesetz bekannt ist.“

Vertreter von Klein- und Mittelständischen Unternehmen allerdings widersprechen dem. Sie glauchen, dass das Gesetz organisatorisch und rechtlich in KMU nicht durchzusetzen ist. Denn wie soll ein KMU eine Vollzeitstelle zur Verfügung stellen, wenn es einfach kein Aufgabenvolumen dafür gibt?! Wie sollen sie die Vollzeitstelle „On-Hold“ halten, bis der Arbeitnehmer sich für Vollzeit entschließt. Das sei eben nicht planbar für KMU, die drei Monate Vorlauf keine echte Option.

KMU brauchen kein Gesetz zur Rückkehr aus der Teilzeit, sondern sollten diese aus innerer Verpflichtung ermöglichen

Recht oder Pflicht zur Rückkehr?

Zunächst finde ich die Aufmerksamkeit, die das Thema durch den Vorstoß von Frau Nahles erhält, sehr gut. Ja, es muss den Mitarbeitern erleichtert werden, aus der Teilzeit in Vollzeit zu wechseln.

Ich wage hier aber die These, dass es – gerade für KMU – kein Gesetz braucht, Arbeitnehmer aus der Teilzeit in Vollzeit zu führen. Vor allem in Zukunft nicht. Und ich glaube, wer diesen Übergang nicht möchte, der findet auch mit Gesetzen immer Wege, jene zu umgehen. Das bringt nur Missmut, Frustration und juristische Auseinandersetzungen, die keinen Gewinner kennen.

In einem kleinen Unternehmen ist man seit jeher darum bemüht, Mitarbeiter (die gut sind) zu halten. Auch sind dort Mitarbeiter und Chef direkt im Gespräch, ohne lange Umwege über Personalabteilung oder Abteilungsleiter.

Ich denke, und das zeigt auch meine Erfahrung, dass in KMU Absprachen über Teilzeit und Aufstockung aus dieser schon lange leichter getroffen werden, als in Großunternehmen. Natürlich nicht überall. Statistiken zeigen, dass vor allem in KMU Frauen in der Teilzeitfalle verharren. Zumindest offiziell. Denn große Unternehmen geben zwar in der Theorie oft an, den Übergang aus Teilzeit in Vollzeit anzubieten. In der Praxis allerdings werden den Arbeitnehmern (Frauen) häufig viele Steine in den Weg gelegt, die sie oft zum Aufgeben bringen.

Umdenken statt rechtlich zwingen

Ich glaube vielmehr, dass es ein gesellschaftliches Umdenken braucht. Die Wirtschaft braucht Fachkräfte, vor allem in Vollzeit.

Es sollte daher auch leichter möglich sein, in Vollzeit zu arbeiten. Dies ist allerdings nur möglich, wenn

  1. Kreative Arbeitsmodelle gefunden werden können. Muss die Vollzeitstelle die gleichen Aufgaben der Teilzeit beinhalten? Nein. Muss der Arbeitnehmer/ die Arbeitnehmerin in Vollzeit nur einen Aufgabenbereich abdecken? Nein. Können Mitarbeiter sich für weitere Aufgabenbereiche nach-qualifizieren? Ja. Können neue Aufgabenbereiche geschaffen werden? Unter Umständen.Heißt Vollzeit jeden Tag acht Stunden? Nein.
  2. Kinderbetreuung nicht nur die acht Stunden der Arbeitszeit abdeckt, sondern darüber hinaus auch Wegezeiten und ggf. auch unübliche Arbeitszeiten. Es muss also mehr Betreuungsmöglichkeiten mit deutlich ausgeweiteten Zeiten geben
  3. Homeoffice in KMU nicht länger als „Faulenzerzeit“ missachtet wird. Viele Arbeitnehmer in Deutschland beweisen, dass das alternierende Homeoffice ein Erfolgs- und Zukunftsmodell sein kann. Die Voraussetzungen dafür müssen natürlich sowohl beim Arbeitnehmer, als auch beim Unternehmen geschaffen sein. Darauf gehe ich in meinem Blogbeitrag „Homeoffice als Alternative“ ein.
  4. Verpflichtungen als Eltern nicht mehr als „Hobby“ abgetan werden. Fehlzeiten aufgrund von Krankheit der Kinder, Verpflichtungen in Kindergärten oder an Schulen beschränken sich nicht auf die ersten Jahre der Kindererziehung, wie oft angenommen und zugestanden wird. In Teilzeit lassen sich Terminüberschneidungen leichter arrangieren, in Vollzeit müssen flexible Lösungen mit dem Arbeitgeber gefunden werden. Das erfordert Offenheit und Kreativität, die sich KMU häufig nicht zutrauen.

Hast Du noch weitere Ideen oder bist ganz anderer Meinung? Dann kommentiere hier oder schreibe mit unter susanne.hencke@hrkreativ.com

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