Wieso es NICHT völlig okay ist, öfter den Job zu wechseln

Es ist schon eine Weile her, dass ich den Blogbeitrag „Wieso es völlig okay ist, öfter den Job zu wechseln“ von Anne Janas gelesen habe.
Der Beitrag hat mich geärgert.
Frau Janas rechtfertigt in ihrem Blogbeitrag das lustige Jobhopping durch Parolen wie „Nutze Deine Lebenszeit doch lieber, um zu tun, was DIR gefällt.“ Und liefert die Rechtfertigung für einen Trend, der für KMU nicht nur nervig, sondern auch teuer wird.

Dabei muss ich natürlich auch eingestehen, dass ich es völlig okay finde, den Job zu wechseln, wenn es einfach nicht mehr passt. Niemand sollte, da gebe ich Frau Janas völlig recht,  in einer Anstellung bleiben, nur damit es im Lebenslauf besser aussieht. Wir arbeiten durchschnittlich 45 Jahre, da wird es unweigerlich zu diversen Wechseln kommen. Mein Lebensweg zeigt, dass ich bestimmt die letzte bin, die das für komplett falsch hält.

Den Trend, alle zwei bis drei Jahren das Unternehmen zu wechseln, halte ich dennoch  für falsch. Übrigens für beide Seiten.
Ich plädiere vielmehr für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Jobwechsel.

Von der Lust und dem Frust der Personalmanager

Schon immer war es für kleine und mittelständische Betriebe schwieriger, Personal zu finden als für die „Big Player“. Was früher die fehlenden Karrierestufen waren, sind heute Image, Standort und Gehalt.

Viele KMU legen sich daher schon seit Jahren mächtig ins Zeug, Nachwuchs zu finden und binden. Der Recruitmentprozess wird nicht nur professioneller, sondern auch kreativer gestaltet.
Auch die Angebote an die neuen Mitarbeiter werden immer mehr. Moderne Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten, selbstbestimmtes Arbeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit, betriebliches Gesundheitsmanagement, Personalentwicklung etc. –  ein bunter Strauß, der das Arbeiten attraktiver macht.

Manche KMU stellen inzwischen Feelgoodmanager ein, die sich um das Employer Brand und die Unternehmenskultur kümmern.

KMU investieren viel in Recruitment und Teambuilding

Dadurch verbessert sich die Arbeitswelt. Die Unternehmen profitieren von den Forderungen der Arbeitnehmer. Und den Personalmanagern macht es Spaß, neue Arbeitswelten (mit) zu gestalten.
Dieser Prozess bedeutet aber für KMU häufig einen extrem hohen personellen und finanziellen Aufwand, der sich meist erst mittel- bis langfristig auszahlt. Er lohnt sich dann nicht, wenn sie damit die Feelgood-Gesellschaft füttern, die gerne alle Angebote annimmt, sich aber letztendlich offenhält, was sie zurückgeben will.

Anne Janas: Nutze Deine Lebenszeit doch lieber, um zu tun, was DIR gefällt.

Eine Neueinstellung kostet, je nach Verantwortungsbereich und Kompetenzlevel zwischen sieben und zwölf Monatsgehälter.
Verlässt also eine Nachwuchskraft nach 2-3 Jahren den Betrieb, hat sich die Einstellung für das KMU quasi nicht gelohnt. Nicht nur die Kosten für Recruitment, Einarbeitung, Fehlertoleranz, etc. konnten nicht ausgeglichen werden, sondern vielleicht darüber hinaus auch der Aufwand für eine mittelfristige bis langfristige Karriereplanung. Nimmt der Mitarbeiter auch noch Kunden mit, waren alle Investitionen umsonst, das KMU zahlt noch drauf.

Selbstreflexion statt Trail and Error

[…] wir gehören […] zu dieser Gruppe Frauen, die einen Job wollen, der zu uns passt. Die immer weitersuchen, bis sie das Richtige finden.

Anne Janas

Will ich in ein großes oder kleines Unternehmen, möchte ich lieber handwerklich oder kaufmännisch arbeiten, ist mir Geld wichtiger oder eine interessante Aufgabe?

Im Arbeitsleben stellen sich die unterschiedlichsten Fragen. Sie verändern sich je nach Lebensphase und -zielen. Manchmal erkennt man auch erst im Job, was einem nicht gefällt oder wichtig ist.

Trotzdem ist ein Unternehmen kein Versuchsfeld, an dem die Mitarbeiter herausfinden können, was sie eigentlich wollen in ihrem (Arbeits-)Leben.

Bestimmte Fragen kann man sich bereits beantworten, bevor man einen Job annimmt. Für andere Antworten absolviert man ein Praktikum, denn dafür wurden sie geschaffen. Auch die Probezeit ist ein guter Indikator, ob die Arbeitsbedingungen passen oder nicht. Man kann die Firma, in der man einen Vertrag unterschreibt also ernsthaft prüfen in den ersten Monaten. Danach aber sollte die Versuchsphase für eine Weile abgeschlossen sein.

Unternehmen als Spielwiesen zu begreifen, ist schlicht unfair. KMU und Kollegen verlassen sich auf das Commitment. Es ist für alle Beteiligten total zermürbend, permanent unter dem Damoklesschwert der Kündigung zu agieren.

Veränderungswünsche sind normal. Und man kann sie kommunizieren.

Employer Branding ist ein langwieriger Prozess

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die nach eigenem Ermessen fällige Gehaltserhöhung ist nicht bewilligt, der nächste Karriereschritt erfolgt nicht direkt. Die Aufgaben langweilen nach einem Jahr, der Kollege nervt schon seit Wochen. NIX WIE WEG.

Heute fällt es den meisten Arbeitnehmern leicht, eine neue Stelle zu finden. Vor allem den jungen, qualifizierten. Denn überall wird nach kompetentem Personal gesucht. Fällt die Entscheidung, zu wechseln, dauert es meist nicht lange bis zur Vertragsunterzeichnung im neuen Unternehmen. Das ist gut, denn man muss nicht über Gebühr „aushalten“ und dem Unternehmen bleiben demotivierte Mitarbeiter erspart, die zumindest innerlich längst gekündigt haben.

Ich plädiere aber dafür, auch mal dazubleiben. Die Unzufriedenheit auszuhalten und sich zu fragen, ob sie einen Wechsel wirklich rechtfertigt. Vielleicht wird der Minuspunkt durch andere Pluspunkte mehr als aufgewogen. Eventuell hat man diese Pluspunkte in letzter Zeit als selbstverständlich genommen, obwohl sie das gar nicht sind.

Darüber hinaus empfehle ich (frühzeitig) das Gespräch zu suchen. Gerade in KMU ist man in der Regel sehr offen, zu erfahren, was die Mitarbeiter unzufrieden macht und wie die Unzufriedenheit ausgeräumt werden kann. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. Noch besser gelint ein solches Gespräch, wenn es als Verhandlungsbasis dient und nicht als Entweder-Oder-Pistole.

Dies eröffnet den Gestaltungsspielraum, den sich viele junge Akademiker für ihren Job wünschen. Verantwortung lässt sich nicht nur an der Höhe des zu verwaltenden Budgets oder der Anzahl der Mitarbeiter im Team ablesen. Verantwortungsbewusstsein zeigt sich auch an der Bereitschaft, sich wirklich mit einem Unternehmen zu commiten und aktiv mit zu gestalten. Verantwortung definiert sich für mich auch darüber, sich Problemen (oder ja, Herausforderungen) zu stellen und engagiert an Lösungen zu arbeiten. Daran,  Entscheidungen zu fällen sowie sie auszuhalten und das Beste daraus zu machen. Die Kunst ist doch nicht, dass alles so läuft wie ich es mir vorstelle, sondern an Widerständen zu wachsen und sie zu überwinden.

Im Übringen kann es ja auch sein – und das kommt nicht selten vor – dass man beim nächsten Arbeitgeber erkennt, was man doch am alten Gutes hatte. Eventuell möchte man zurückkehren?! Verbrannte Erde und Enttäuschungen schneiden diesen Weg zu häufig ab, aber das ist ein anderes Thema, das ich in meinem Beitrag zu Thema Abschied nehmen bespreche.

Wer direkt weiterhoppt, weil ein höherer Gehaltsscheck winkt oder den Versprechungen eines neuen Jobs erliegt, vergibt auch eine Chance.

Der Überdruss der Kollegen

Ich habe unzählige Einstellungsinterviews geführt, und nahezu jeder Bewerber gibt in darin an, eine „gute Arbeitsatmosphäre“, oder ein „guter Kontakt zu den Kollegen“ sei ihnen am wichtigsten.

In vielen KMU wird ein neuer Mitarbeiter aufgenommen wie ein neues Familienmitglied. Das aufwendige „Onboarding“ aus der Personalabteilung wird begleitet von einem herzlichen und offenen Umgang. Häufig verabredet man sich auch privat, um das neue Teammitglied möglichst schnell und unkompliziert zu integrieren.

Wer die Teamentwicklungsphasen nach Bruce Tuckman kennt, weiß, welche Anstrengungen es ein Team kosten kann, wirklich ein solches zu werden.

Peu a peu wachsen die Mitarbeiter zu einem Team zusammenEs ist daher für manche Kollegen, die sich immer wieder neu einlassen, Vertrauen und Beziehungsangebot schenken, frustrierend, wenn sie nach kurzer Zeit wieder „verlassen“ werden. Wer will es ihnen verdenken, wenn sie ihr Engagement immer mehr zurückfahren?  Sie werden unpersönlicher, unverbindlicher und unabhängiger. Schaffen sich so die Jobhopper nicht selbst das Umfeld, das sie so sehr ablehnen?

Fazit

Anne Janas: „Dein Lebenslauf darf sein wie du bist: bunt, neugierig, anders!“

Ja, stimmt. Wohl kein moderner Personaler sucht mehr nach dem „geraden Lebenslauf“: Im Gegenteil wird eher das Bunte gesucht.

Meiner Ansicht nach wird ein Lebenslauf aber nicht (nur) dadurch bunt, dass man alle zwei Jahre den Arbeitgeber gewechselt hat.

Ich plädiere für Fairness und Loyalität gegenüber Kollegen und Unternehmen, indem man aktiv an Veränderungen arbeiten, statt sie vorschnell bei einem anderen Job zu suchen. Auch dafür, das Investment, das ein Unternehmen geleistet hat, nicht nur gerne mitzunehmen, sondern es auch langsfristig rechtfertigt.

Und wenn das doch nicht klappen sollte, kann man immernoch wechseln. Dafür sind wir ja lange genug auf dem Arbeitsmarkt unterwegs.

 

 

 

 

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