Der ROI eines Arbeitsurlaubs

Es ist kurz nach Mittag, ich liege in der Hängematte, schaue über Palmen hinweg in den türkis-blau schimmernden Horizont, vom Strand wummern Sambabässe zu mir hinauf und ich versuche mich auf ein neues Personalentwicklungskonzept für einen Kunden zu konzentrieren.

—- Dieser Beitrag ist am 11. Oktober 2012 bereits in ähnlicher Form auf dem Convensis Blog erschienen —-

Im normalen Arbeitsalltag fühlte ich mich in meiner Konzentration gestört vom „Krach“ da unten. Hier gehe ich entweder an den Strand und feiere mit, wippe entspannt in der Hängematte zu den Rhythmen oder ich schwimme eine Runde im Meer, bis die Partygesellschaft sich beruhigt hat und setze mich dann wieder an die Arbeit. Ich befinde mich im Arbeitsurlaub.

Intensives Arbeiten an einem schönen Ort kann auch für den Arbeitsalltag motivieren

Vorteile für den Arbeitnehmer

Normalerweise versucht ein Angestellter im Urlaub die Gedanken an seine beruflichen Aufgaben möglichst schnell zu verdrängen, um einen möglichst hohen Erholungseffekt zu erzielen. Zwar möchte man die positiven Gefühle und Erinnerung aus dem Urlaub am liebsten möglichst lange mit in den Arbeitsalltag nehmen, umgedreht aber lieber nicht. Und beides zu verbinden ist total ungewöhnlich. Das geht mir als Selbständiger nicht anders als allen anderen auch.

Ich habe mich aber in den letzten Monaten immer mehr gesehnt nach einer Zeit, in der beides erreichbar sein kann: Erholung, Ruhe, Abstand und gleichzeitig ein intensives Eintauchen in meine Aufgaben.

Deshalb habe ich dieses Experiment gewagt. Ich hatte meine Familie darum gebeten, in einen Arbeitsurlaub fahren zu dürfen, weil mir der Arbeitsalltag zu wenig Raum für konzeptionelle Arbeit lässt. Im täglichen Trubel geht die Konzentration verloren und selbst wenn ich diese „Denkphasen“ in die frühen Morgen- oder Abendstunden verlege, bleibt doch zu wenig Zeit, sich in ein Thema zu vertiefen bzw. ihm bis zum Ende zu folgen. Deshalb nutzte ich eine eh geplante Privatreise nach Brasilien, um den Arbeitsurlaub auszuprobieren.

Hier im Urlaub muss ich zwar auch meinen Alltag organisieren, habe aber dazwischen viel Gelegenheit und Ruhe über mein Thema zu lesen, Ideen zu spinnen, sie wieder zu verwerfen und in einem anderen Zusammenhang wieder aufzugreifen. Das funktioniert sowohl am „Schreibtisch“ als auch bei den üblichen Urlaubsaktivitäten wie Schwimmen, Spaziergänge etc.

Entspannung und Konzentration schließen sich nicht immer aus

Es funktioniert, weil ich mein Thema in den Mittelpunkt meines Aufenthaltes hier stelle und mich kognitiv wenig davon ablenkt.
Natürlich greift auch der „Tapetenwechsel“: Ich stelle fest, dass durch die Verlegung meines Arbeitsortes in ein völlig ungewohntes Umfeld neue Impulse entstehen. Das kann einerseits durch die gedankliche Übersetzung einer Erfahrung vor Ort auf mein aktuelles Projekt passieren. Manchmal kommen aber auch alte Pläne wieder an die Oberfläche, die im Alltag vergraben waren. In der Tat glaube ich nicht, dass ich hier kreativer arbeite als sonst, aber ich habe mehr Raum für die kreativen Gedanken. Denn selbst wenn ich die aufkommenden Ideen nicht sofort aufgreife, tauchen sie teilweise später wieder auf und setzen sich in einen neuen Zusammenhang. Was die Arbeit dann doch wieder kreativer werden lässt.

Und der erstaunliche Effekt: mühelos lässt die intensive gedankliche Beschäftigung mit dem Fragenkomplex schon nach ein bis zwei Tagen klare Konturen des Konzeptes entstehen. Ich habe den Eindruck, der Aufgabe „auf den Grund“ gehen und sie aus den verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Das Endergebnis wird dadurch in jedem Fall vielfältiger und ausgereifter ausfallen als dies im Büro möglich gewesen wäre.

Vorteile für den Arbeitgeber

Davon profitiert natürlich auch mein Auftraggeber/ ein Arbeitgeber. Durch den vermeintlichen Zeitverlust des Urlaubs gewinnt er die effiziente Aufarbeitung eines Themas, die sich im normalen Tagesgeschäft unnötig in die Länge gezogen hätte. In der intensiven Beschäftigung mit einem Themenkomplex erwerbe ich zudem Kenntnisse, die mir auch in anderen Fragen meines Fachgebietes zugutekommen.

Den größten Vorteil kann ich aber in einem möglichen Zugewinn an Motivation und Bindung an das Team und das Unternehmen erkennen. Durch die positive Erfahrung des Urlaubs und die thematisch intensive Zeit bin ich hochmotiviert, mein Konzept vorstellen und in die Tat umsetzen zu können. Ich habe zudem noch viele Ideen für andere Aufgaben gesammelt, die ich konkretisieren möchte.
Meines Erachtens nach kann sich das leicht auf ein Team und ein Unternehmen übertragen.

Darüber hinaus zahlt die Dankbarkeit , dass das Team bzw. das Unternehmen einen  Arbeitsurlaub ermöglichten, sicher in Loyalität und Engagement zurück. Auch das Vertrauen des Arbeitgebers könnte das Vertrauen des Mitarbeiters in das Unternehmen erhöhen.

Arbeiten und Erholen kann zusammengehen, wenn die richtigen Voraussetzungen geschaffen wurden.

Im Vorfeld die Bedingungen genau abklären

Für Aufgaben mit einer starken Bindung zu Dokumenten, Kunden oder technischem Gerät ist ein Arbeitsurlaub sicher nicht geeignet, wenn diese gar nicht, oder nur mit hohem Aufwand an den Urlaubsort mitgenommen werden können. Ein Urlaub zum Arbeiten lässt sich für  konzeptionelle, analytische, kreative oder redaktionelle Aufgaben einfacher und effektiver realisieren.

Ganz grundsätzlich muss natürlich sichergestellt werden, dass der Arbeitsurlaub nicht zu einem kaschierten Urlaub degeneriert, wodurch nicht nur das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und -nehmer gestört wird, sondern möglicherweise auch die Kreativität eines Unternehmens, über flexible Arbeitszeit- und -organisationsmaßnahmen nachzudenken.

Folglich ist die Grundlage eines Arbeitsurlaubs nicht nur eine stabile Vertrauensbasis zwischen Arbeitgeber und –nehmer.
Beide müssen vor der Reise detaillierte Vereinbarungen über Arbeitsumfang und –ziele während  der Reisezeit auf der einen Seite sowie den zu erwartenden Aufwand auf der anderen Seite treffen. Es empfiehlt sich dringend, ein konkretes Arbeitsziel zu definieren, das mindestens erarbeitet werden sollte. Weiterhin muss sichergestellt sein, dass die verabredeten Aufgaben am Urlaubsort auch geleistet werden können. Beispielsweise ist klar zu regeln, ob die Familie den Mitarbeiter begleiten darf, oder aber nicht, um nicht zu sehr abzulenken.
Zusätzlich sind die Bedingungen vor Ort im Vorfeld zu recherchieren und der  Arbeitgeber muss eventuell die nötigen technischen sowie finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, damit der Arbeitnehmer seine Aufgaben erledigen kann (z.B. muss die Nutzung eines PCs möglich sein, wenn dies direkt vor Ort nicht möglich ist, kann der Arbeitgeber einen Laptop zur Verfügung stellen). In diesem Zusammenhang muss unbedingt geklärt sein, wer welche Kosten in welcher Höhe zu tragen hat. Umso detaillierter und klarer die Absprachen im Vorfeld getroffen werden, desto weniger Konfliktpotential birgt der Arbeitsurlaub.

Alle Beteiligten profitieren noch mehr vom Arbeitsurlaub, wenn der Kontakt eben nicht, wie bei einem normalen Erholungsurlaub, ausgesetzt wird, sondern Zeitfenster für den Austausch miteinander geschaffen werden.

Last but not least ist das Konzept des Arbeitsurlaubs auch eine Typfrage. Manch einer mag Arbeit und Urlaub einfach nicht vermischen. Mitarbeiter, die im Zusammenspiel mit ihrem Team zu Hochform auflaufen, mögen das isolierte Arbeiten uneffektiv und trostlos empfinden. Menschen mit einem starken Bedarf nach äußeren Strukturen oder einem festen Arbeitsrhythmus würden sich eventuell leicht in der Unstrukturiertheit einer Urlaubsumgebung verlieren. Der Mitarbeiter muss sich im Vorfeld fragen, ob er sich zutraut, sich neben Strand, Party, Bar o.ä. auch mit den Aufgaben zu beschäftigen, die man zu erledigen hat. Ein gewisses Maß an Selbstorganisation braucht es gegebenenfalls auch – in meinem Arbeitsurlaub auf jeden Fall – um an einem Urlaubsort Arbeitsatmosphäre und -bedingungen zu schaffen.

Aber wenn alle Beteiligten bereit sind, Kompromisse einzugehen und den Aufenthalt im Vorfeld gut vorzubereiten, kann der Arbeitsurlaub eigentlich für beide Seiten nur von Vorteil sein.

Übrigens, die Pousada da Lua, Jacuma, Brasilien ist ein wunderbarer Ort für einen Arbeitsurlaub 😉

Danke Tina und Leo!

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